Norrköping: Gestern Industrie, heute Kultur

Letzter Halt meiner Schwedenreise: Norrköping. Nachdem ich Stockholm sowie die Provinzen Västmanland und Darlana erkundet habe, steht nun die alte, ehemalige Industriestadt in Östergötland auf dem Programm, die auch als das Manchester Schwedens bekannt ist.

Norrköping liegt etwa 75 Autominuten von Stockholm entfernt im Süden des Landes. Die kleine Stadt nahe der Ostseeküste hatte ich bisher nicht auf dem Schirm und ich wollte mich überraschen lassen. Ich mag es, mich im Vorfeld nicht zu informieren, um den Ort dann ohne jegliche Erwartungshaltung, geschweige denn Hintergrundwissen, zu erkunden und zu erleben. Der erste Eindruck ist für mich immer der bedeutendste und prägendste. So war es auch mit Norrköping. Als ich aus dem Zug stieg und die Brücke des Flusses Motala Ström überquerte, war er auch schon da, der besondere, erste Moment: Bunte Trambahnen überholen mich und fahren den Hügel hinauf, auf dem sich der Stadtkern befindet. Häuser, maximal vierstöckig, prägen das Bild der Innenstadt.

Industrielandschaft: Kulturzentrum in alten Textilfabriken

Am frühen Abend lerne ich die Schwedin Åsa kennen. Der Name scheint sehr beliebt zu sein in Schweden. Letzte Woche hatte ich bereits zwei andere Schwedinnen kennengelernt, die ebenfalls Åsa heißen. Apropos schwedisch: Norrköping wird übrigens nicht mit „k“ ausgesprochen, sondern mit „sch“, also eher wie „Norschöpping“.

Wir schlendern also durch die Stadt und sie bringt mich zu einer alten Industrielandschaft. Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten zwei Industrielle die Kleidungsfabrik Gylt, die sich zur größten Textilfabrik Schwedens entwickelte. Kurz darauf wurde Norrköping zum „Big Player“ und deckte mit 15 größeren Textilunternehmen die Hälfte der schwedischen Kleidungsherstellung ab. Es war vor allem die Baumwollproduktion, die Norrköping erfolgreich machte. Aber auch Papier wurde hier produziert. Allerdings wurden im Laufe der Zeit leichtere Kleidungsstücke wie Hosen, Jacken und Kleider beliebter als Wollprodukte wie Mäntel, Kostüme und Überröcke. Hinzu kam, dass der Wechsel zu synthetischen Materialien die Produktion von Baumwollstoffen zurückgehen ließ. Diese wurden im Ausland zudem günstiger hergestellt. Das Ende vom Lied: 1970 kam der Untergang der traditionsreichen Textilproduktion in Norrköping. Ein trauriges Beispiel für den Zeitgeist, der sich regelmäßig wiederholt.

Die Industrielandschaft, die lange Zeit hauptsächlich aus alten, verfallenen Gebäuden bestand, wurde restauriert und neu belebt. Museen, Galerien, Kinos, das Symphonieorchester, Studentenwohnheime und Cafés haben sich hier angesiedelt. Sogar ein ganzer Universitäts-Campus ist heute hier zu finden. So etwas habe ich bisher noch nirgendwo anders in diesem Ausmaß gesehen. Nur in Manchester gibt es etwas Ähnliches.

Seit Neuestem gibt es auf dem Gelände einen extra für Lachse angelegten Bach, der parallel zum Motola Ström verläuft. Durch den Bach können die Lachse zurückschwimmen, um zu laichen. Ich als Naturfreund staune nicht schlecht!

Musik von Avicii im Glockenturm und mediterranes Flair im Kakteengarten

Norrköping ist weder zu groß noch zu klein, angenehm überschaubar und ideal, um es zu Fuß zu erkunden. Zwei Sehenswürdigkeiten sind mir während des Spaziergangs mit Åsa ganz besonders aufgefallen. Zum einen der Glockenturm des Rathauses, auf den wir auch hochgestiegen sind. Normalerweise kommt man dort nicht so einfach hoch, doch Åsa hat wohl gute Verbindungen. Oben angekommen, fordert sie mich auf, die Glocke zu läuten.  Als ich sage: „Nein, das kann ich doch nicht machen, das verwirrt doch die Leute unten.“, ermuntert sie mich erneut. Gesagt, getan. Ganz schön laut. Åsa findet: „Nice sound, right!?“ Zum Stadtjubiläum hat der Glockenmeister von Norrköping sogar Musik des schwedischen Remixers und Musikproduzenten Avicii über das Glockenspiel erklingen lassen.

Zum anderen ist da der Kakteengarten im Karl Johans Park. Insgesamt bestechen 6.000 Pflanzen auf einer verhältnismäßig kleinen Parkfläche durch ihre exotische Schönheit – wie auf einer Mittelmeerinsel. Der schöne grüne Park ist auch ein perfekter Ort zum Sonnenbaden oder um einfach die Ruhe zu genießen und Kraft zu tanken.

Es ist spät, Åsa verabschiedet sich. Bevor ich zurück ins Hotel gehe, gönne ich mir eine Mahlzeit im Butler’s um die Ecke. Es gibt Pommes mit Fisch, genauer gesagt Hecht. Besser kann es heute nicht mehr werden! Doch dann kommt der Nachtisch: Toblerone-Sorbet mit Preiselbeersoße. Ein Augen- und Gaumenschmaus!

Die Umgebung von Norrköping: Bråviken und Tierpark Kolmården

Der zweite Tag bricht an. Nach dem Frühstück begebe ich mich mit meinem Mietwagen auf Erkundungstour. Es sind 30 Grad, Urlaubsfeeling pur. Perfekt, denn ich mache mich auf den Weg an die Küste, die nur einen Katzensprung entfernt liegt. Erster Halt ist Bråviken, ein Fjord in der Ostsee und zugleich die mit über 50 Kilometer längste Bucht Schwedens. Ich suche mir einen schönen Steg, genieße die Sonne und halte die Füße ins Wasser. Hier könnte ich den ganzen Tag bleiben, aber ich habe noch ein paar Tipps von Åsa bekommen, die ich auf jeden Fall ausprobieren sollte.

Mein nächster Halt ist der größte Zoo Nordeuropas, der Tierpark Kolmården. Ich bin generell kein Fan von Zoo und Zirkus, da ich gegen die Haltung und Dressur wilder Tiere bin. Heute mache ich aber mal eine Ausnahme, da der Tierpark Kolmården eher eine Mischung aus Safari- und Freizeitpark ist, der seine Gäste über den Schutz von Natur und Tieren aufklärt und sich verantwortungsbewusst engagiert. Im Ökotourismusland Schweden findet man dieses Konzept sehr häufig. Gerade neu eröffnet hat übrigens die größte Holzachterbahn der Welt – der Wildfire Rollercoaster. Die ist mir allerdings eine Nummer zu heftig.

Eine kleine Zeitreise: Das Zarah Leander Museum

Ein weiterer Tipp von Åsa ist das Zarah Leander Museum, zu dem ich gemeinsam mit Brigitte Petterson fahre. Wer ist Zarah Leander, habe ich mich gefragt. Sie war wohl DIE Schauspielerin und Sängerin der 40er Jahre. Frage mal Deine Eltern oder Großeltern, die kennen sie mit Sicherheit.

Nun zu Brigitte. Sie ist der Oberknaller! Brigitte war Zarahs größter Groupie, ist ihr zu jedem Konzert nachgereist und hat Blumen in ihre Garderobe liefern lassen. Wie verrückte Teenager halt so sind – damals wie heute. Doch Brigitte hat es dann wirklich geschafft, dass Zarah Kontakt zu ihr aufgenommen und ihr später sogar angeboten hat, für sie zu arbeiten. Daraus ergab sich dann Brigittes weitere Lebensgeschichte: Sie zog nach Schweden, war Zarahs Tour-Managerin und engste Vertraute. Ihr Traum ist wahr geworden. „Living the dream“ war nicht nur eine Phrase, erzählt sie mir. Anlässlich des 100. Geburtstags von Zarah im März 2007 errichtete Brigitte mit ein paar anderen Weggefährten das Zarah Leander Museum, wo man Zarahs komplettes Lebenswerk sowie die Erinnerungsstücke von Brigitte bewundern kann. Auf Zarahs roter Couch machen wir es uns gemütlich und ich sauge die verrückten Stories nur so in mich auf.

Der Schärengarten von Arkösund: Unterwegs mit dem Kajak

Mittlerweile ist es Abend. Ich bin in meinem Hotel in Arkösund angekommen und pausiere erst mal auf der Veranda. Allein was ich gestern und heute alles erlebt und gesehen habe, muss erst mal verarbeitet werden. Aber ich bin in Entdeckerlaune und noch nicht müde. Also mache ich mich auf und laufe eine Runde durch den kleinen Küstenort. Und was erspähe ich da? Einen Kajakverleih – der einzige weit und breit. Ehe ich mich versehe, befinde ich mich auch schon in einem der Kajaks und paddle durch den Schärengarten von Arkösund. Besser könnte dieser Abend nicht enden. Am nächsten Morgen sonne ich mich noch eine Runde auf den Felsen, bevor es wieder zurückgeht nach Deutschland.

Mein Fazit

Ohne jegliche Erwartungen und Hintergrundwissen bin ich nach Norrköping gekommen. Ich habe alles gesehen, was die Stadt und ihre Umgebung zu bieten haben. Auch als Vielreisender und Tourismusexperte kann ich sagen, dass ich nach langer Zeit endlich mal wieder eine Destination gefunden habe, die nicht nur ein sehr vielfältiges, sondern auch einzigartiges Angebot an Erlebnissen und Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Ich bin noch immer total baff, und weiß bis jetzt nicht, welches der ganzen Highlights mein persönlicher Favorit ist.

Mehr zu Matthias Reise nach Norrköping findest Du auf seinem Blog TravelTelling.

2 Kommentare

  1. BRIGITTE PETTERSSON

    HALLO MATTIAS, ÅSA SCHICKTE MIR DEINEN INTERESSANTEN REISEBERICHT MIT DEN AUSGESUCHTEN WUNDERBAREN FOTOS DIE DU GEMACHT HAST. ES WAR WIRKLICH NETT, DICH KENNEN ZU LERNEN UND DASS DU UNSER ZARAHMUSEUM BESUCHT HAST. ICH WAR GERÜHRT WIE NETT DU ÜBER MICH UND MEINE LEBENSGESCHICHTE MIT DER ZARAH LEANDER BERICHTET HAST UND EIN FOTO MIT ÅSA, DIR UND MIR WAS DU IM MUSEUM GEMACHT HAST, ERINNERT AN UNSER TREFFEN. DURCH DEINE REISEBERICHTE VERMITTELST DU DER MENSCHHEIT EINEN GROSSEN DIENST UND KANNST VON INTERESSANTEN TEILEN AUS ALLER WELT BERICHTEN. DAS MÖGEN VIELE MENSCHEN. ICH WÜNSCHE DIR WEITERHIN VIEL FREUDE AUF DEINEN REISEN UND PASS AUF DICH AUF! SEI VIELMALS GEGRÜSST VON BRIGITTE.

    • Hallo Brigitte,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar 🙂

      Es hat mich wirklich sehr gefreut, dich kennenzulernen und deinen Stories zu lauschen. Schön, dass dir der Artikel gefällt und ich wünsche dir und dem Museum nur das aller Allerbeste! 🙂
      Ganz viele Grüße nach Schweden!
      Matthias

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.