Immer schön locker bleiben! Lisromm in Tel Aviv

Ist das schön hier! Sind alle schön hier! Samtige, gebräunte Haut, sportiv, muskulös und unverschämt lässig. Männlein wie Weiblein. Gottes Geschöpfe in knappen Trainingshöschen – die Herren vorzugsweise oberkörperfrei – joggen, skaten oder cruisen anmutig die Tayelet Promenade entlang und stellen ihre jugendlichen Modelkörper ungeniert zur Schau. Tel Aviv, ein Strand mit Stadt – ein beruhigendes Meer vornedran, 14 Kilometer feinster Sand dazwischen und eine ungestüme Stadt im Rücken – fordert zum Schaulaufen regelrecht heraus.

Doch Strand ist hier nicht gleich Strand. Tatsächlich haben die einzelnen Abschnitte Namen, sind von unterschiedlicher Qualität und werden von verschiedenen Benutzergruppen frequentiert. Im Norden zum Beispiel, zu Füßen des Unabhängigkeitsparks, ist ein Strandabschnitt für Ultra-Orthodoxe geöffnet. Sie kommen aus allen Teilen des Landes ausgerechnet nach Tel Aviv, in die unreligiöseste Stadt Israels. Direkt nebenan, am Hilton-Beach sonnen sich Gay-Community und Großfamilien. Unter des Schöpfers Sonne am Badestrand sind dann doch alle wieder gleich.

Der Gordon Pool und gleichnamige Strand sind der sportlichen Jugend vorbehalten. Der Schweiß tropft, was die makellose Haut nur noch glänzender erscheinen lässt. Entzückende schwarze Locken kleben anmutig  an den feuchten Schläfen. Keine Spur von Elefantengetrampel und puterroten Schädeln, wie sie mir sonntags im Englischen Garten begegnen.

Wer sich nicht auf irgendeine Weise fortbewegt, klemmt sich ein Surfboard nonchalant unter den Arm, strebt Klimmzugrekorde an oder pumpt Gewichte in den Open-Air-Muckibuden. Wer hingegen das schon hinter sich hat oder mit Sport nichts am Hut, chillt mit Fluppe im Mundwinkel, um sich auf eine durchtanzte Nacht vorzubereiten, trommelt oder jongliert wahlweise ein bisschen und sieht selbstverständlich fast anmaßend gut dabei aus.

Tel Aviv, Jugend und Lebenslust

Israelis sagen, in Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet. Und in Tel Aviv? Da wird gelebt und getanzt. Hier bin ich also gelandet, im Hedonisten-Hauptquartier, einer Insel ziviler Lebenslust.

Tel Aviv, der Frühlingshügel, so die Bedeutung, ist eine junge Stadt. Erst etwas über 100 Jahre alt und ein Großteil der Bevölkerung jünger als 45 Jahre. Seit ihrer Gründung 1909 ist die Stadt förmlich explodiert und verkörpert den Aufbruch in die neue Zeit. Heute beherbergt Tel Aviv als zweitgrößte Stadt Israels 430.000 Menschen, der Großraum fast 4 Millionen. Hier werden die Wirtschaft und das moderne Leben des ganzen Landes entscheidend angetrieben. Die Stadt ist 24 Stunden lebendig.

Bevor sie sich ins Nachtleben stürzen, trifft man Tel Avivs Bewohner eher am Strand – gleichzeitig Wohnzimmer und Puls der Stadt – als in der Synagoge. Und Fragen des Lifestyles werden intensiver diskutiert als die Thora. Doch wenn man Israelis nach Tel Aviv fragt, sind sich fast alle einig. Die Stadt sei nicht Israel, sondern ein Land für sich, eine Blase. Ob dies nun gut oder verächtlich ist, darüber lässt  sich streiten.

Am heftigsten lebt man am Freitagabend, wenn der Sabbat beginnt, doch Tel Aviv schläft angeblich ohnehin nie. Man misst sich hier ganz selbstbewusst mit New York.

Sich Lockermachen in Tel Aviv

Mit meinem Selbstbewusstsein ist es nicht so weit her. Leicht eingeschüchtert blinzle ich dem schwindenden glutroten Ball am Horizont entgegen und tunke meinen Zeh ins Wasser. Badewannentemperatur. Ich lasse mich von der noch hochsommerlichen Oktoberluft sanft streicheln, meine vornehme „Nordseebräune“ wage ich heute aber nicht zu zeigen.

Ein hartes Etwas trifft mich stattdessen am Hinterkopf. Klack, klack, klack. Wer an Tel Avivs Stränden einen Spaziergang wagt, riskiert nicht Leib und Leben, aber blaue Flecken. An die Wasserkante vorzudringen gleicht einem Hindernislauf. Erwachsene Menschen stehen sich paarweise gegenüber und treiben mit großen Holzschlägern eine Art Squashball hin und her. Klack, klack, klack. Sie spielen Matkot, der inoffizielle aber exzessiv und leidenschaftlich ausgeübte Strandnationalsport.

Blendend weiße Zähne, grüne Augen, breites Grinsen, ein entschuldigendes Schulterzucken. „Sorry, lisromm Lady!“ ruft der Schelm mir nach.

Lisromm? Reg dich nicht auf, mach dich locker, entspann dich! Wie Recht er hat. Ich beschließe mich treiben zu lassen. Der Hunger führt mich.

Hummusdebatte und Schlemmerparadies

Alle Köstlichkeiten des Orients stehen in Tel Aviv in unerschöpflicher Auswahl zur Verfügung. Essen gehen ist ein wahrer (und teurer) Genuss. Frischeste Zutaten, saisonale Produkte, regionale Gewürze und die gesamte mediterrane Geschmackspalette. Die Köche des Landes kochen, wie schon ihre Eltern kochten, und die sind aus über 80 Ländern eingewandert. Dementsprechend bunt und geschmacksintensiv ist Israels Küche.

Nur beim Thema Hummus machen Israelis keine Kompromisse. Hummus ist kulinarisches Kulturgut, nicht wegzudenken von den Speisekarten des Landes, doch auch hochpolitisch. Vor allem mit den Libanesen streiten sich die Israelis um die Kichererbsen-Hoheit. Wer hat´s nun erfunden?

Selbstverständlich weiß ein jeder in Tel Aviv, wo der beste Hummus der Stadt aufgetischt wird. Abu Hassan in Jaffa, eine Institution seit 1959, sei eine Top-Adresse, finden viele. Das finde ich auch. Doch mein Herz erfreut vornehmlich Tel Avivs immense Auswahl an vegetarischen und veganen Speisen. Man sagt, in Israel gibt es die größte pro Kopf Rate an Veganern. Kaum ein Restaurant, das nicht vegane Gerichte auf der Karte hat, aber auch nicht absonderlich, wenn man quasi in Gottes Gemüsegarten lebt.

Kaum gepflückt, landet das Grünzeug appetitlich aufgetürmt auf dem Carmel-Markt. Wenn der Strand Tel Avivs Wohnzimmer ist, muss der Carmel-Markt dessen Küche sein.

Schnabulieren und Probieren ist hier ausdrücklich erlaubt, Feilschen ein Muss. Und ehe ich mich versehe, halte ich frisch gemixten Smoothie in der einen und tütenweise Obst in der anderen Hand und wundere mich noch, wie wenig ich in Anbetracht Tel Avivs enormen Preisgefüges ausgegeben habe.

Tel Avivs Strahlkraft und Lebenslust

Historisch Herausragendes sucht man in Tel Aviv vergebens. Dafür kann man das Wohnhaus des Staatsgründers David Ben-Gurion besuchen. Oder man macht eine empfehlenswerte Tour durch die „Weiße Stadt“ mit ihren 4.000 Gebäuden im Bauhausstil. Immer samstags um 11.00 Uhr gibt es vom Fremdenverkehrsamt angebotene kostenfreie (Spenden erwünscht) Führungen.

Was diesen Teil der Stadt ästhetisch prägt, entstand in den 1930er Jahren. Nach Schließung der Bauhaus-Schule unter der NS-Herrschaft, errichteten geflohene jüdische Architekten aus dem Deutschen Reich ein Viertel mit 4.000 Häusern im Bauhaus-Stil: die Weiße Stadt. Sie zählt seit 2003 zum Unesco-Weltkulturerbe. Auch wer sich eher an Jugendstilfassaden als an gegenwärtiger Architektur erfreut, wird dem mediterranen Bauhaus in Tel Aviv etwas abgewinnen können. Zudem tobt dort rund um den Rothschild-Boulevard das schicke Nachtleben.

In den Lokalen der Dizengoff-Straße weiter nördlich entkorkt die Boheme gerne die eine oder andere Flasche Wein. Nicht weit entfernt liegt das Tel Aviv Museum of Art, eine der wenigen klassischen Sehenswürdigkeiten.

Die Viertel in Tel Avivs Zentrum sind schick herausgeputzt und kaum mehr erschwinglich, erfahre ich bei meinem Rundgang. Selbst Boheme Viertel wie Florentin gelten als vollständig gentrifiziert. Im hippen Neve Tzedek, wo sich einst jemenitische Einwanderer ansiedelten, sind die Immobilienpreise astronomisch. Boutiquen und Schmuckateliers säumen jetzt dort die Straßen. In der Levinsky Street hingegen lässt sich noch ein pures und unverfälschtes Tel Aviv erahnen. In überquellenden großen Säcken und Kartons drängen die Spezialitäten des Landes bis auf den Bürgersteig. Eine bunte Mischung orientalischer Aromen schwappt mir in die Nase.

Arriviert-beschaulich wirkt dagegen die renovierte Bahnhofsanlage HaTachana samt ehemaliger Ziegelfabrik. Sie beherbergt heute Boutiquen, Concept Stores und Restaurants und ist ein weiterer Mosaikstein der jungen, modernen Generation des jüdischen Staates, die in ihrem Bestreben nach westlicher Lebensart immer mehr Lifestyle in die Tat umsetzt.

Der Strukturwandel ist nicht aufzuhalten. Die Anziehungskraft Tel Avivs und Lebenslust der Bewohner ist einfach zu groß, gerade weil es von den Sorgen des übrigen Landes wie entkoppelt wirkt.

Jaffa, das orientalische Klischee

Jaffa ist wieder anders, Jaffa versprüht orientalisches Flair. Korrekt heißt Tel Aviv, Tel Aviv-Jaffa. Beide Orte sind zusammengewachsen und damit ist die Stadt quasi alt und jung zugleich. Jaffa ist eine der ältesten Siedlungen des Nahen Ostens.

Folgt man der Promenade immer weiter nach Süden, erhebt sich die Muhammadiya-Moschee unweit des Wassers. Die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen gleicht dem Bilderbuchklischee einer arabischen Medina. Unten am quirligen Hafen im alten Jaffa, wo einst die ersten Pilger ins Heilige Land von Bord gingen, sitzen die Menschen heute in szenigen Fischlokalen. Noch geschäftiger geht es aber jenseits der Stadtmauern zu. Auf dem stadtbekannten Flohmarkt und in den umliegenden Gassen werben arabische Antiquitätenhändler um Kunden. Die aufstrebende Designszene mit ihren kleinen, feinen Boutiquen übt sich eher in cooler Zurückhaltung. Dennoch ziehen sie mich magisch an. Mein Portemonnaie glüht, aber egal, ich habe Tel Avivs Lebensgefühl längst inhaliert und bin ganz und gar lisromm.

Tel Aviv zum Nachmachen

Übernachten: Hotels in Tel Aviv sind generell nicht günstig. Das sollte man wissen. Strandnah, dennoch zentral und komfortabel wohnt man im Metropolitan, hip und stylisch direkt gegenüber im Brown.

Essen: Im gerammelt vollen Port Sa´id hatte ich Köstliches auf dem Teller. Simpel aber sensationell gut. Frisch gepresste Säfte und Smoothies sowie lecker Streetfood gibt es an jeder Ecke. Ansprechende Delis und Cafés in Jaffa, Neve Tzedek, rund um den Carmel Markt und den Rothschild Boulevard, z.B. das Da, Da & Da oder Benedict mit Frühstück rund um die Uhr.

Shoppen: Mir haben es die Boutiquen, Galerien und Interieur Läden im Umkreis des Jaffa Flohmarkts angetan. Im Elemento würde ich mit Vergnügen mein Jahreseinkommen verprassen und meine Wohnung generalüberholen. Tollen Schmuck gab es bei Agas & Tamar in Neve Tzedek.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.