Zyperns Paphos: Im Wirkungskreis der Aphrodite

„Vergiss nicht, links, wo Du Deine Uhr trägst, ist der Straßenrand“, ruft sie mir beim Verlassen des Flugzeuges hinterher. Dumm nur, ich trage keine Uhr. Wird schon gut gehen. In Zypern fährt man links. Ich bin nicht zum ersten Mal seitenverkehrt in der Welt unterwegs, auch wenn das letzte Mal eine ganze Weile zurückliegt und ich vorwiegend einen mitdenkenden Beifahrer an meiner Seite hatte.

Ich setze auf entschleunigtes Inselfeeling und werde einfach den anderen hinterherfahren. Um mehr mache ich mir vorerst keine Gedanken. Zu müde bin ich. Mitten in der Nacht läutete der Wecker und neben meiner aufgekratzten Sitznachbarin im Flugzeug war an Schlaf nicht mehr zu denken. Nach Jahren im Ausland setzt sie wieder einen Fuß in ihre Heimat. Immerhin halte ich nun eine ganze Liste an Tipps und Empfehlungen in der Hand, was ich in Zypern getan und gesehen haben muss. Ich habe nur sechs Tage im Land, das Programm hingegen reicht für ein halbes Leben.

Auf links dem Meer entgegen

In Larnaka betrete ich zypriotischen Boden. Mich zieht es zunächst nach Westen. Ich will das Meer sehen. Immer wieder ist es der weite Ozean, der mich anzieht. Dieses helle Blau am Morgen, wenn die Sonne gerade aufgegangen ist. Das schwarze Meer bei Nacht, das man nur hört und riecht; das Glitzern im Mondschein. Dieses Gefühl im Salzwasser, wenn der Körper federleicht wird, die verklebten Haare, den Geruch des Salzes, das auf der Haut trocknet. Dieses Glück, in die Wellen zu rennen und sich einfach ins Wasser gleiten zu lassen. Kein Problem in Zypern. Das Meer ist allgegenwärtig. Schon nach Verlassen des Flughafens blitzt es von Zeit zu Zeit verführerisch durch die karge Landschaft.

Wo Aphrodite einst dem Meer entstiegen ist

Was man einmal gelernt hat, vergisst man nicht. Ich fahre beschwingt, als hätte ich nie ein Auto rechts gelenkt. Meine Wolljacke ist längst in den Kofferraum geflogen, der Pulli hinterher. Die Fenster kurbele ich auf Durchzug und lasse mir die warme, salzige Luft um die Nase wehen. In München ist der erste Schnee gefallen, hier bin ich nach drei Stunden Flugzeit mitten im Sommer gelandet. Würde die Dunkelheit nicht so früh einbrechen und wären nicht die ersten Bürgersteige bereits hochgeklappt – ich wähnte mich im Spätsommer.

Petra tou Romiou wird mein erstes Etappenziel auf dem Weg nach Paphos im Südwesten der Insel sein. Etwa auf halber Strecke treffe ich vereinzelt auf Touristen. Nur noch eine Stunde zum Sonnenuntergang. Sie haben es eilig. „Wenn Du Deine Facebook-Freunde beeindrucken willst, sei dort, wenn die Sonne untergeht“, hallt mir der Hinweis meiner Sitznachbarin aus dem Flugzeug noch im Ohr. Check. An der felsigen Küste wachsen gigantische Kalksteinbrocken aus dem Meer und setzen die Koordinaten für einen der schönsten Strände Zyperns und die Geburtsstätte der Aphrodite. Der Legende nach soll die Göttin der Schönheit und der Liebe an dieser Stelle dem Meer entstiegen sein.

Tatsächlich, Aphrodite hätte keinen besseren Ort wählen können. Am „Stein des Griechen“ verschmelzen die Elemente in der Dämmerung zur vollendeten Bilderbuchidylle. Bergiges Land, das in zig Schattierungen in der untergehenden Sonne schillert. Weiße Wellenkämme galoppieren Richtung Ufer, brechen sich an den Felsriesen und berühren schließlich sachte die hellen Kiesel der Bucht. Touristen posieren, ich beobachte, genieße. Ich bin wieder am Meer.

Geballte Antike in Paphos: Archäologischer Park

Paphos Zypern, ein beliebtes Urlaubsparadies im Südwesten der Insel, war der UNESCO nicht ohne Grund eine Eintragung in die Weltkulturerbeliste wert. Im kommenden Jahr dann richten sich alle Augen auf die Stadt, denn Paphos wird 2017 Kulturhauptstadt Europas.

Die Stadt ist zweigeteilt. Da gibt es den oberen Teil Ktima, dort mischen sich die Besucher im einstigen Türkenviertel gern unter die Einheimischen und streifen durch schattige Gassen. Und dann Kato Paphos, der ausgesprochen touristische untere Stadtteil, wo sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum quirligen Hafen die Sehenswürdigkeit schlechthin befindet: der Archäologische Park, mein heutiges kulturelles Hauptprogramm.

Losgelöst vom Trubel der Stadt, liegen neben dem sehenswerten pittoresken Kastell auf einem riesigen Areal all die Schätze, die Archäologen seit Jahrzehnten bei Ausgrabungen ans Tageslicht befördern – Funde aus frühchristlicher, vor allem aber aus römischer Zeit. Katakomben, Kirchen, Bäder, Marktplatz, Theater und zahlreiche beeindruckende Villen.

Herausragend dabei ist das Haus des Dionysos. „Es hatte einmal 40 Räume“, erklärt mir der gemütliche Wärter Stefanos, der mich sogleich am Eingangsbereich abgefangen hat. Vorrangig will er aber wissen, warum ich alleine herumstreife und woher ich komme. Aus München! Dann müsse ich schnell auf einen Kaffee mitkommen. Er zeigt mir am Tablet die Ferienwohnung, die er für den kommenden Sommer in Garmisch gemietet hat. Erzählt, wie schwierig es war, etwas Bezahlbares für seine Großfamilie zu finden und was sie alles vorhaben. Shoppen in München. Bummeln in Salzburg. Nach Innsbruck wollen sie auch. Heute wendet sich das Blatt. Er ist es, der mit Vorfreude und einer Liste voller Tipps und „Must-Do’s“ rund um München zurückbleibt.

Kultur hochdosiert: Königsgräber und Katakomben

Ich bin längst von dannen gezogen. Ich habe viel vor. Die geballte Kulturdosis will ich mir geben, denn die ganze Stadt steckt voller Geschichte, die man bei einem Spaziergang durch die Straßen spürt. Paphos (Nea Pafos) wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. gegründet und war bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. die Hauptstadt Zyperns. Es war die Hauptstadt der Ptolemäer und Römer und auch der Apostel Paulus ist mit der Stadt verbunden. Auf dem Grund der reizvollen Chrysopolitissa Basilika, einer der größten sakralen Bauten von Paphos, befindet sich die Paulussäule. Es heißt, hier wäre Paulus gefesselt und 39 Mal gegeißelt worden, ehe er seinen Peiniger zum Christentum bekehren konnte.

Mein Weg führt mich kreuz und quer durch die Stadt vorbei an alten Hamam-Bädern zu den mit Votiv-Stoffbändern markierten, christlichen Katakomben. Nur kurz gönne ich mir eine Pause am unverbauten Lighthouse Beach auf dem Weg zu den Königsgräbern am Rande der Stadt. Verlockend klang die rustikale Beachbar dort in meinem Reiseführer. Nicht der Rede wert ist sie in Wahrheit, und dennoch ist der Blick von der sonnendurchfluteten Terrasse hinaus aufs Meer ein Seelenschmeichler.

Am Ende des Tages stehe ich umringt von uralten Gräbern in einer wüstenhaften Landschaft, in der einzig das Rauschen der Wellen zu hören ist. Die Königsgräber umfassen mehrere gut erhaltene, unterirdische Grüfte sowie Kammern, die schon in der vorchristlichen Zeit genutzt wurden. Ungeachtet ihres Namens wurden hier keine Monarchen bestattet, die Bezeichnung erhielten sie hinsichtlich ihres prächtigen Aussehens.

Die Begräbnisstätten verteilen sich auf einem weitläufigen Gelände, auf dem man sich stundenlang verlieren kann. Ich steige in Grüfte, wandle um Säulen und raste zwischen Wildblumen. Ich spüre mittlerweile jeden Schritt und am Ende des Tages zeigt mir meine App, dass ich heute mehr als 15 Kilometer in geschichtlicher Historie gewandelt bin.

Mein Magen meldet sich lautstark zu Wort. Ein Glück, dass Georges mich in seiner urigen Taverne bereits mit köstlicher Meze erwartet. Dabei handelt es sich in Zypern um das, was man auch als „gemischte Platte“ bezeichnet: eine Zusammenstellung landestypischer Spezialitäten. Ganz und gar Deutsch bin ich frühzeitig dran. Noch ist es fast leer, dafür setzt sich der Wirt zu mir, erzählt mir den ein oder anderen Schwank und versorgt mich – wer errät es – mit Zypern-Tipps. Es ist offensichtlich: die Zyprioten sind stolz auf ihr geschichtsträchtiges Land.

Apropos Zypern – prallvoll mit Geschichte

Zypern ist eine Insel, zugleich ist Zypern aber auch ein souveräner Staat.

Zypern – inklusive des türkisch besetzten Nordens – ist prallvoll mit Geschichte und Kulturerbe. Was die geteilte Insel zweifellos ihrer geografischen Lage verdankt. Es ist ein strategisch bedeutsamer Fleck im östlichen Mittelmeer, ein Objekt der Begierde, das im Laufe der Jahrtausende zahlreiche Völker kommen und gehen sah.

Jahrhundertelang gehörte Zypern zu Byzanz, bevor sich Franken, Venezianer und Türken, nacheinander zu neuen Herren ernannten und die Briten Aphrodites Insel letztendlich 1960 in die Unabhängigkeit entließen. Und doch ist bis heute die „Zypernfrage“, der Konflikt zwischen dem griechisch-zyprischen Süden und dem türkisch-zyprischen Norden, nicht gelöst. Auch Großbritannien hält immer noch zwei Enklaven auf der Insel.

Akamas: Aphrodites Badewanne und Liebesnest

Gestern hatte Aphrodite Pause und Dionysos und andere Götter ihre Auftritte. Heute begegne ich Aphrodite erneut, ein ganzes Stück nördlich von Paphos, in der wildromantischen Natur der Halbinsel Akamas. An deren Ostküste liegt das „Bad der Aphrodite“ – eine unscheinbare Felsgrotte, beschattet vom Blätterdach eines Feigenbaumes. Quellwasser rieselt wie ein Regenguss den Fels herab und sammelt sich glasklar in einem Teich. Hier badete die Göttin der Liebe. So will es die Legende. Und hier erblickte sie der hübsche Adonis und verliebte sich.

Ich hingegen laufe, anscheinend zu beflügelt, am Eingang vorbei und wandere irrtümlich einen kilometerlangen Trail auf Adonis und Aphrodites Fersen. Ein nicht ganz leichter Wanderweg, der durch die Landschaft der unberührten Halbinsel führt und grandiose Blicke auf das Meer verschenkt. Ein Ehepaar klärt mich auf, dass die Quelle ganz leicht vom Parkplatz zu erreichen gewesen wäre. Mir bleibt somit weniger Zeit für das hübsche ursprüngliche Dorf Polis und in den einladenden Tavernen am Hafen von Latsi. Wenn mir auch kein Adonis begegnet ist, der unfreiwillige Exkurs war jeden Extraschritt Wert!

Zypern zum Nachmachen

  • Geschichte geht durch den Magen. Eine kulinarische Empfehlung ist die 7 St Georges Tavern in Paphos und deren ausgezeichnete Küche.
  • Das Schöne ist oft schwer zu haben. So der wildromantische Lara-Strand auf der Halbinsel Akamas.
  • Wer es stilvoll und luxuriös wohnen möchte, ist im Hotel Asimina Suites – zum Teil mit eigenem privaten Infinity Pool – bestens aufgehoben.

In einem zweiten Bericht nimmt Eva uns mit in malerische Bergdörfer und nach Larnaka.

Mehr zu Evas Reise nach Zypern findet Ihr auch auf ihrem Blog Hidden Gem.

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