Alltag in Tokio: In der Ruhe liegt die Kraft

Mit dem Round The World Ticket der Star Alliance reisen Anne und Clemens um die Welt. In Japan wurden sie von der ruhigen Seite des Landes und seiner Einwohner überrascht. Sie übernachteten in einem traditionellen Ryokan, erlebten ein Picknick unter Kirschblüten und bewunderten Tempel und Schreine, die fast an jeder Ecke zu finden sind. 

9:30 Uhr an einem Montagmorgen in Japan. Es ist Rush Hour in Tokio und wir quetschen uns durch den Untergrund in Richtung U-Bahn. Stehen bleiben gilt hier nicht. 38 Millionen Einwohner hat der Großraum Tokio und uns kommt es so vor, als müssten sie alle früh durch den engen Schacht hindurch, an den piependen Drehkreuzen vorbei. Doch schneller als gedacht sind wir schon am Gleis. Züge fahren ein, Züge fahren aus. Mal sind ein paar Gesichter gegen die Scheibe gedrückt, mal sehen wir nur die Anzugrücken. Doch eines fällt uns sofort auf: es ist ruhig, wahnsinnig ruhig.

Zwei Ordner sind direkt am Gleis postiert und weisen die vielen Passagiere ein, die hier jeden Tag ihren Weg zur Arbeit oder zur Schule bestreiten. Dahinter stehen, fein säuberlich aufgereiht, Japaner in Schlange. So, als gäbe es einen geheimen Ordner am Gleis, den niemand sehen würde. Doch den gibt es nicht. Es sind die Japaner, die in stressigen Situationen, die in vielen anderen Städten weltweit zu ordentlich Schweißperlen auf der Nase geführt hätten, die Ruhe weg haben. Am Gleis gibt es feste Reihen, in denen sich neu angekommene Passagiere anstellen und dann wird gewartet – mit einer Seelenruhe.

Wer Japan aus den Medien oder aus Erzählungen kennt, der geht von einem verrückten, chaotischen Land aus. Das ist Japan auch – keine Frage. Doch es gibt auch die andere, die ruhige Seite in Japan. Die zieht sich durch den Alltag und ist kaum zu erkennen. Wenn man Orte sucht, die einen selbst nach einer hektischen Woche in Tokio automatisch herunterbringen, muss man genauer hinsehen oder genau wissen wo.

Eine Nacht im Ryokan – von Tatami und Futons

Die Japaner haben viele Sitten, die bei einem einzigen Besuch im Land kaum so wirklich durchschaut werden können. Doch ab und an, da bekommt man eine Chance und kann hineinschnuppern in das, was von außen so geheimnisvoll wirkt. Da wir bisher kaum japanische Freunde haben und wenig von dem mitbekommen haben, was hinter den verschlossenen Türen der Einheimischen passiert, haben wir eine Nacht in einem Ryokan verbracht. Ein Ryokan ist eine typisch japanische Unterkunft, die eigentlich sehr einfach und deshalb gerade perfekt für Geschäftsmänner und Handwerker auf der Durchreise ist. Dennoch versprühen sie einen ganz besonderen Charme, den wir unbedingt kennenlernen wollen.

Unser Ryokan liegt in Osaka, einer sehr blinkenden und pulsierenden Stadt, mit 2,7 Millionen Einwohnern die drittgrößte Japans. Über die Haupttouristenstraße, der Dotonbori, betreten wir unser Hotel für die Nacht. Im Hintergrund läuft japanische Musik, ansonsten hört man wenig im Hotel. Wenige Minuten später öffnen wir die Tür zu unserem Reich, einem leeren Zimmer mit zwei kleinen Stühlen und einem Tisch. Tee steht bereit und die Futons liegen zusammengerollt in der Ecke. So ein Ryokan ist ein weiterer Ort der Ruhe in Japan, da er mit viel Minimalismus und wenig Schnickschnack ein Paradebeispiel für die japanische Kultur ist: gediegen, durchdacht und stressfrei. Pünktlich zur Schlafenszeit werden unsere Futons auf den typischen Tatami-Matten ausgebreitet, das Licht gedimmt und der letzte Tee für heute aufgebrüht. Gute Nacht, Osaka.

Tipp: In Japan gibt es jede Menge Ryokans für jeden Geschmack, von schlicht bis gediegen. In vielen kann das Frühstück und Abendessen zum Zimmer gebucht werden. Häufig wird das Abendessen dann im Zimmer serviert und das Frühstück im Gemeinschaftsraum. Den größten Preisunterschied gibt es zwischen Ryokans mit eigenem Bad im Zimmer, einem Onsen, oder mit einem Gemeinschaftsbad. Wer einen authentischen Einblick in einen Ryokan bekommen, sich den typischen Yukatan-Mantel anziehen und auf Futons schlafen möchte, der sollte eines der preisgünstigen Ryokans buchen, wie zum Beispiel das Yamatoya Honten Ryokan in Osaka.

Sakura in Japan – eine Ode an die Kirsche

Die Kirschblüten-Saison ist in Japan eine ganze besondere Zeit. Eine Zeit, in der Freunde, Familie, Bekannte und natürlich Kirschblüten im Mittelpunkt stehen und eine Zeit, die in Japan sogar einen eigenen Namen trägt: Sakura. Während der Sakura treffen sich die Japaner zu einem gemeinsamen Picknick unter dem Kirschbaum, dem Hanami. Dabei werden die Picknickdecken auf den Wiesen, in den Parks oder in den Tempelanlagen ausgebreitet und genug Essen und Trinken eingepackt, so dass es nicht nur für die engsten Freunde und Bekannten reicht, sondern auch für die entferntesten.

Dann wird die Musik angestellt oder selbst gemacht, und schon beginnt ein perfekter Tag unter dem Kirschbaum. Doch auch Spaziergänger trifft man während der Sakura häufig. Die gesamte Tradition hinter Sakura hat etwas ganz Besonderes. Es ist eine Art kleines Fest der Liebsten, die man im Freien trifft. Man redet, tauscht sich aus und genießt ein kleines Stückchen Natur, das in anderen Gegenden der Erde nur wenig Beachtung findet.

Tipp: Wer in Japan die Sakura erleben möchte, sollte sich frühzeitig den Kirschblütenkalender anschauen. Generell dauert die Blüte meistens von Ende März bis Anfang Mai. Die Blütezeit selbst ist nicht allzu lang. Sie beginnt im Norden und wandert nach Süden. Wir können die Kirschblüte in Matsumoto empfehlen. Hier befinden sich mehrere Kirschbäume in der Anlage des Matsumoto Schlosses. In der gleichen Gegend, der Nagano Präfektur, befindet sich der Garyu Park, in dem während der Kirschblüte auch eine Nachtshow stattfindet. Am Abend finden sich die Einheimischen ein, um gemeinsam um den See zu spazieren und die beleuchteten Kirschbäume zu bestaunen.

Tempel, Schreine, Parks – eins mit der Natur

Ob in Kyoto, Tokio oder Nagano: Tempel und Schreine gibt es in Japan an fast jeder Ecke. Die meisten von ihnen sind nicht nur religiöse und spirituelle Stätten, sondern auch Touristenmagneten und mit kleinen Märkten gespickt und deshalb alles andere als ruhig. Dennoch kann man auch hier Ruhe finden, wenn man sich ein bisschen Zeit lässt. Beste Besuchszeit ist dann, wenn die Touristenmassen schon durch sind, die Räucherstäbchen wieder frisch angezündet werden und die Sonne untergeht.

Viele Tempel in den japanischen Großstädten schließen gegen 17.00 Uhr. Wer also ab vier Uhr nachmittags in einem Tempel spaziert, der wird die Ruhe und die Zen-Kultur vieler Schreine sofort spüren. Religion und Glaube in Japan sind groß, doch sie wirken nicht so, als würden sie über das Land wachen. Sie wirken weder auferlegt, noch extrem dominant und das macht es so angenehm. Dazu kommt, dass die meisten Tempelanlagen in Japan wunderschön gepflegt und angelegt sind und damit eher einem Park oder einer Gartenanlage ähneln.

Wir haben uns für einen ruhigen Moment den Meiji Schrein, Meiji-jingu, im Yoyogi Park mitten in Shibuya, einem mehr als quirligen Stadtviertel von Tokyo herausgesucht – und waren gegen 16.30 Uhr fast die Einzigen. So konnten wir in aller Ruhe Details begutachten, die Mönche bei den Gebeten beobachten und eine traditionelle kleine Hand- und Mundreinigung am Brunnen vornehmen, wie sie zum Ritual gehört.

Tipp: Den Meiji Schrein erreicht man am besten mit der JR Yamanote Line bis zur Yoyogi Station oder mit der Fukotoshin Line bis zur Kita-Sando Station.

Der Japaner und die Japanerin

„Was hat euch an Japan am besten gefallen?“ – eine Frage, die wir schon häufiger nach Japanreisen von Freunden gestellt bekommen haben. „Die Menschen“ – das ist die erste Antwort, die wie aus der Pistole geschossen kommt. Ja, die Menschen. Japaner strahlen eine unheimliche Ruhe aus. Das beginnt am Morgen mit dem Gang zur U-Bahn und endet am Abend in den überfüllten Waggons. Dabei gibt es ein paar Eigenheiten, die uns ganz besonders beeindruckt haben:

  • Japaner berühren sich nie in öffentlichen Verkehrsmitteln: Egal, wie voll die U-Bahnen oder Busse sind, hier wird es kaum eine Berührung von einem Fremden geben.
  • Japaner behandeln alle gleich: Egal, ob man japanisch spricht oder nicht, jeder wird in den Restaurants und den kleinen Kiosken gleich behandelt. Dazu gehören mehrere Dankeschöns, etliche Verbeugungen und immer ein breites Grinsen im Gesicht.
  • Japaner sind ruhig, unheimlich ruhig, und sie haben die Ruhe weg. Wenn zur Mittagszeit ein Restaurant eine lange Warteschlange hat, dann macht das nichts – sie warten.

Hinter den vielen blinkenden Schildern, den vielen, lauten Werbevideos, die von allen Ecken und Straßen in Tokio tönen und den vielen Menschen, die in den japanischen Städten wohnen, verbirgt sich eine Ruhe, die nur hier so zu finden ist. Eine Ruhe, die so, ganz sicher, nur in Japan zu finden ist.

1 Kommentar

  1. Die japanische Ruhe = Heiwa (平和) und Gelassenheit = Shizukesa( 静けさ) sind sprichwörtlich: 平静
    Danke für den schönen Beitrag.
    Und bewahrt weiterhin auch eure 平静を保つ (Ruhe und Gelassenheit“)

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