Johannesburg: Hipstertum und Apartheid-Nachwehen

Mit dem Star Alliance Round The World Ticket erkunden Anne und Clemens insgesamt 13 Länder. In Südafrikas Johannesburg wandelten sie auf Nelson Mandelas Pfaden und erkundeten die Highlights der Stadt für Euch.

Johannesburg wird von Kapstädtern oft belächelt. Zu urban, zu groß, zu voll sei die südafrikanische Stadt. Und ein Meer? Nicht mal das hat Johannesburg. Meinungen wie diese sind in Südafrika weit verbreitet. Den Menschen aus Johannesburg jedoch sind sie schnurzpiepegal. Denn sie lieben ihr Joburg oder Jozi, wie es auch voller Stolz genannt wird. Die Stadt gilt als das echte, das wahre Afrika, fernab vom Glitzer und Glamour der Kapregion, weit weg auch vom Surfer-Mekka rund um Durban und den Stränden von Port Elizabeth am Ostkap. Aber was ist wirklich dran am Johannesburg-Hype?

Uns überrascht Johannesburg schon beim Check-In. Das Hostel Once in Joburg könnte hipper nicht sein: Riesige Vogelgemälde an der Wand, Sitze mit Lehnen aus Kuhhaut und ein angeschlossenes Café, welches die neuesten US-Hits idyllisch auf den Innenhof hinaus plätschern lässt, während auf der Terrasse junge Einheimische und Hostelgäste ihren Smoothie schlürfen. So kann ein Tag in Joburg beginnen.

Wir sind im Viertel Braamfontein, etwas nordwestlich des Stadtzentrums und doch zentral genug, um mittendrin zu sein im Trubel der Stadt. Überall Menschen! Zeitungsverkäufer, Einparkhelfer, Banker, Mütter mit Kinderwagen und und und. Hier ist auf jeden Fall was los.

Maboneng: Vom Industrie- zum Vorzeigeviertel von Johannesburg

Mit Uber, das in Südafrika hervorragend funktioniert, fahren wir weiter nach Maboneng, das unter Touristen wie auch unter Einheimischen als der momentan angesagteste Stadtteil gilt. Das ehemalige Industrieviertel hat sich in den letzten Jahren zu einem echten Vorzeigeviertel gemausert und das, obwohl es in einer einst sehr berüchtigten Gegend liegt. Hier tummelt sich alles, was jung ist und Rang und Namen hat. Es gibt Kunstgalerien, kleine Ateliers, junge Designerboutiquen, Fusion-Restaurants und Cafés, die Flat White mit Sojamilch verkaufen. Ein Highlight ist das Arts on Main (264 Fox St & Berea Road, Maboneng) – Studio-, Gewerbe-, Wohn- und Einzelhandelsfläche in einem, und das alles in einem renovierten Lagerhaus. Hier wurde quasi aus dem Nichts eine Keimzelle von Kreativen für Kreative ins Leben gerufen. Jeden Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr findet im Gelände der beliebte Sunday Market statt, für viele ein fester Termin in der Woche.

Die Kehrseite des bemerkenswerten Umschwungs von Maboneng vom zwiespältigen Industrieviertel zum angesagten Place-To-Be lernen wir keine zwei Straßen weiter kennen. Dort wirkt die Gegend plötzlich heruntergekommen, Fabrikhäuser stehen leer, Scheiben sind eingeworfen, Ratten huschen über die Straße. Nein, der schöne Schein trügt nicht. Er hat nur nicht alle Straßen so gut mit Finanzmitteln bedacht wie die Gegend rund um die Main Street.

Doch dann fällt schnell noch etwas anderes auf: Streetart. Sie sind beinahe überall – Tags, Graffiti und riesige Murals. Für Kunstinteressierte ist Maboneng eine wahre Goldgrube. Mittlerweile gilt Johannesburg unter Streetartkünstlern als die angesagteste Stadt Afrikas. Sogar aus Berlin kam ein Künstler eigens nach Joburg, um seine Kunst an die bröckelnden Wände zu sprayen. Wer hätte das gedacht?

Kaum geht man um die nächste Straßenecke, entdeckt man ein riesiges Abbild von Nelson Mandela an einer Häuserwand. Mandela wird im Land immer noch von allen verehrt, sein Konterfei ziert jeden einzelnen Geldschein. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident führte das Land einst nach der Apartheid durch alle inneren und äußeren Konflikte. Und überhaupt ist die Zeit der Apartheid in Johannesburg auch heute noch zum Greifen nah. Am meisten natürlich in Soweto, dem größten Township Afrikas.

Eine Fahrradtour durch Soweto, das größte Township von Johannesburg

Wir wollen Soweto erkunden und machen uns auf den Weg raus aus der Stadt und in die rund zehn Kilometer entfernten, vorgelagerten Gebiete des South Western Township, kurz Soweto. Hier leben etwa vier Millionen Menschen auf 120 km². Um der Geschichte näher auf den Grund zu gehen, entscheiden wir uns für eine Fahrradtour von Lebo’s Backpackers (10823A Pooe St, Orlando West, Soweto). Unser Guide führt uns für rund zwei Stunden mitten hinein ins Herz des Townships.

Wir radeln vorbei an den einstigen Behausungen für zugezogene Arbeiter, halten an dem Ort der Studentenproteste des Jahres 1976 und dem Mahnmal für Hector Pieterson, einem südafrikanischen Schüler, der im Alter von zwölf Jahren bei der Demonstration im Rahmen des Soweto-Aufstandes erschossen wurde. Die Gegend hat wirklich etwas zu erzählen, das wird uns schnell klar. Ein paar Straßen weiter wartet ein weiteres Highlight auf uns: In der Vilakazi Street steht das Haus, in dem Nelson Mandela einst wohnte. Heute ist es ein Museum, das dem großen Denker huldigt. Tatsächlich ist dies die einzige Straße auf der Welt, so erzählt unser Guide voller Stolz, in der mit Nelson Mandela und Desmond Tutu gleich zwei Friedensnobelpreisträger wohnten. Hut ab!

Nun ist die Zeit der Apartheid längst vergangen und doch ist die Schere zwischen Schwarz und Weiß in Johannesburg nicht zu übersehen. Zum Beispiel auf der Fahrt zurück Richtung Innenstadt. Wir verlassen Soweto und sind bald wieder auf dem Highway, wo uns dicke Karren überholen, mit sehr wenigen Ausnahmen mit weißen Fahrern am Steuer. Erst in Downtown ist die schwarze Bevölkerung wieder klar in der Mehrheit.

Johannesburg kulinarisch: Neighbourgoods Market in Braamfontein

Zurück in Braamfontein wollen wir auf den Neighbourgoods Market (73 Juta St). Schon von weitem werden wir von seichten Electro-Klängen mit afrikanischem Touch willkommen geheißen. Durch einen schmalen Aufgang betreten wir ein karges Gebäude. Plötzlich wimmelt es nur so von Menschen, einer schicker angezogen als der andere. Wir entdecken Style-Kombinationen, die man in Deutschland so wohl nur in Kreuzberg tragen könnte, ohne schief angeschaut zu werden. Auch kommen uns Gerüche aller Art entgegen: nach Pizza, Paella, Fischburgern und gegrilltem Fleisch.

Oben angekommen, wissen wir auch wieso. Das Obergeschoss ist voller kleiner Essensstände. Überall wird frisch gekocht, gebacken, gegrillt und frittiert, was das Zeug hält. Dazwischen steht eine Meute, die aufgeweckter, kreativer und trendiger nicht sein könnte. Jung, alt, schwarz, weiß, Asiaten, Europäer, Backpacker – die ganze Welt scheint sich hier zum samstäglichen Plausch zu treffen. Wir müssen nicht zweimal überlegen, bevor wir uns dazu gesellen, zur Sonne auf der offenen Terrasse, zu den hippen Johannesburgern in ihren bunten Farbmixen und zum Takt dieser wilden, unzähmbaren Stadt. Prost, Joburg!

1 Kommentar

  1. Tja, und da meint man immer, Johannesburg hätte nur wenig zu bieten!
    Der Beitrag ist ein eye opener für die am meisten vernachlässigte Stadt Südafrikas.

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