Riga, Du Schöne: Zwischen Jugendstil und Ostseestrand

„Wir haben in Lettland vielleicht keine großen, bekannten Sehenswürdigkeiten, doch wir lieben das Schöne“, sagt Līga, als wir den Boulevard vor dem Lettischen Nationalen Kunstmuseum überqueren. Die Rigaerin erinnert sich an eine Anekdote ihrer Großmutter, aus der Zeit, als Lettland nach wenigen Jahren der Eigenständigkeit wieder unter russische Vorherrschaft fiel und dem Sowjetreich einverleibt wurde. Līgas Oma war eine echte Dame, die wie viele Lettinnen der Tristesse hinter dem Eisernen Vorhang trotzte, indem sie sich ihren eleganten Kleidungsstil bewahrte. Dem versuchten die Frauen der russischen Besatzer nachzueifern. In den Bekleidungsgeschäften Rigas entdeckten sie üppig verzierte Kleider, in denen sie fortan durch die Stadt stolzierten. Was sie nicht wussten: dass diese Kleider eigentlich Nachthemden waren und die Lettinnen hinter vorgehaltener Hand über sie lachten.

Die Vorliebe für das Schöne, sie zieht sich wie ein roter Faden durch Riga, die vielleicht glänzendste Perle des Baltikums neben Tallinn und Vilnius. Sie zeigt sich in plüschigen Cafés und heimeligen Restaurants in historischen Holzhäusern, in der liebevoll restaurierten Altstadt und den prächtigen Jugendstilbauten, die Riga in den 1920ern den Beinamen „Paris des Nordens“ einbrachten. Selbst dort, wo Riga sich auf den ersten Blick etwas rauer zeigt, lassen sich kleinere und größere Schätze heben. Riga, Du Schöne, Du perfekter Ort für einen Wochenendtrip!

Architekturperle Riga, die nordeuropäische Hauptstadt des Jugendstils

Wir biegen in die Elisabetes Iela. Von jetzt an heißt es, den Kopf in den Nacken legen und den Blick nach oben richten, auf die überbordend geschmückten Häuserfassaden und Dächer. Sphinxen und Medusenköpfe mit aufgerissenen Mündern schauen auf uns herab. Barbusige Figuren tänzeln neben brüllenden Löwen und Pfauen mit gespreiztem Gefieder. Wir blicken in Fenster, die wie Frauenköpfe aussehen, auf mit steinernen Blumengirlanden umrankte Erker, schnörkelige Ornamente, theatralische Masken – alles typische Elemente des Jugendstils, wie man ihn aus Wien, Paris oder Barcelona kennt.

Mehr als 800 dieser Bauten findet man im Zentrum Rigas, die beeindruckendsten stehen in der Elisabetes Iela und der Alberta Iela. Sie entstanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und tragen die Handschrift einer Generation junger, rebellischer Architekten, die etwas völlig Neues, Schönes kreieren wollten. Der bekannteste unter ihnen, der Gaudí von Riga, heißt Michail Eisenstein. Dessen Sohn Sergei ist übrigens der Regisseur des legendären Films „Panzerkreuzer Potemkin“.

In der Alberta Iela werfen wir im Rigaer Jugendstilmuseum einen Blick in das wohl meist fotografierte Treppenhaus Rigas. Interessanter Fakt: Während der sowjetischen Besatzung sollten diese Prachtbauten dem Erdboden gleichgemacht werden. Sie bröckelten vor sich hin, für eine Renovierung war kein Geld da. Glücklicherweise fehlten auch die Mittel für den Abriss, sodass Riga sich heute mit der weltweit größten Ansammlung von Jugendstilarchitektur brüsten darf.

Die Altstadt von Riga: Hanseatisches Erbe, Rooftop-Bars und himmlische Eclairs

Wähne ich mich im Jugendstilviertel Rigas wie in Paris oder Budapest, so gibt mir die Altstadt das Gefühl, in einer hanseatischen, norddeutschen Stadt zu sein. Tatsächlich wurde Riga 1201 von Deutschen gegründet und schloss sich 1282 der Hanse an. Davon zeugen mittelalterliche Giebelhäuser wie das Schwarzhäupterhaus, ein gotischer Dom, jede Menge roter Backsteinkirchen und Kaufmannshäuser – eine regelrecht bilderbuchhafte Kulisse.

In den Achtzigern war die Altstadt „hip“ bei den Einheimischen und den Russen, die in Riga lebten. Sie kamen zum Feiern her, am liebsten in die alte anglikanische Kirche, die die Sowjets in einen Nachtclub umgewandelt hatten. Wo früher gebetet wurde, floss der Champagner in Strömen. Heute meiden die meisten Rigaer die Altstadt – zu teuer, zu touristisch. Drei Orte gibt es jedoch, für die sie eine Ausnahme machen: die Vinothek Tincture Sincere, das Café Fat Cat Eklērnīca und das Gutenbergs Hotel.

Im Tincture Sincere probieren wir einen „Black Balsam“. Das ist ein hochprozentiger Kräuterlikör, der gegen allerlei Zipperlein helfen soll, von den Letten früher als Protest gegen die wodkatrinkenden Russen konsumiert wurde und heute in Rigas In-Bars als Cocktail über die Theke geht. Beispielsweise als „Clavis Riga“ mit Rhabarber-Likör, Weiße-Schokolade- und Granatapfel-Sirup und Apfelsaft. Vielleicht schmeckt der lettische National-Cocktail besser als der pure Rigaer Balsam, der mich zu sehr an Jägermeister erinnert.

Nachdem wir mit dem Kräuterlikör jegliche Erkältungsviren abgewehrt haben, stärken wir uns im Fat Cat Eklērnīca mit köstlichen Eclairs. Für die himmlischen Kreationen mit weißer Schokolade und Lavendel oder mit gerösteten Mandeln und Zitrone ist Urgis verantwortlich, der das in schwarz-gelb gehaltene Café hinter dem Rathaus gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Woher der Name „Fat Cat“ kommt? Von Mango, Urgis Kater. „Der ist ziemlich pummelig, ein wenig faul, aber wir lieben ihn“, lacht er.

Von der Dachterrasse des Gutenbergs Hotels, wo man hervorragend zu Abend essen oder einfach nur einen Sundowner genießen kann, lassen wir den Blick über die Dächer der Altstadt schweifen, bevor wir in den Bauch Rigas eintauchen, den Zentralmarkt.

Der Bauch der Stadt: Hanf-Pesto, Schweineköpfe und Craft-Bier im Zentralmarkt

Ein Besuch des Zentralmarkts am östlichen Rand der Altstadt, der bei seiner Eröffnung 1930 der größte und modernste Markt Europas war, lohnt alleine schon wegen seiner Architektur: Bei den fünf Pavillions handelt es sich um ehemalige Zeppelin-Hangars, die nach dem ersten Weltkrieg in Markthallen umfunktioniert wurden.

„Lettland, das schmeckt für mich unter anderem nach Hanf“, sagt Līga und zeigt auf Schälchen mit einer schwarzen Paste. Hanf-Pesto und Hanf-Butter steht auf den Schildern. Wir stippen ein Stück Brot hinein und überzeugen uns davon, was sich Schmackhaftes aus Hanfsamen zaubern lässt. Nicht im Weg stehen bleiben, heißt es, als wir durch die Fleischhalle schlendern. Hier hat es jeder eilig. Nichts für schwache Gemüter sind die Auslagen mit den Schweineköpfen, Schweineherzen und riesigen Rinderzungen. In der Fischhalle starren uns getrocknete Heringe mit großen, leeren Augen an, diese werden traditionell mit Hochprozentigem heruntergespült. Gebratenen Hering und andere Fischgerichte gibt es im Restaurant Sikites un Dillites.

Apropos Hochprozentiges: Was für die Russen der Wodka ist, ist für die Letten das Bier. Wer im Zentralmarkt ist, sollte beim Ableger der Brauerei Labietis vorbeischauen und eines der Craft-Biere probieren. Ein Gaismas Ragana, zu Deutsch „Hexe des Lichts“, empfiehlt uns Janxis, der Mann am Zapfhahn. Ein gefährliches Gebräu, warnt er, man spürt nichts, weil es so schön süffig ist. Wir nippen nur, kosten noch das Ingwerbier mit Pfefferminz. Janxis hat recht: Auch als Nicht-Biertrinker findet man Gefallen an dem Geschmack.

Zum Schluss noch ein wenig Käse. „Den Kümmelkäse essen wir zur Mittsommernacht, wenn wir aufs Land fahren, bis in die Morgenstunden mit einem Bier in der Hand barfuß im Gras tanzen oder am Lagerfeuer singen“, schwärmt Līga und macht Lust darauf, Riga nochmal im Sommer zu besuchen. Dann kaufen die Rigaer im Zentralmarkt Moosbeeren, geräucherten Fisch, Käse und Roggenbrot und laufen zur Akademie der Wissenschaften hinüber. Auf der Aussichtsplattform breiten sie ihre Picknickdecken aus und genießen den fantastischen Ausblick über die Altstadt, die Moskauer Vorstadt mit ihren alten Holzhäusern, wo früher vor allem Russen und Juden lebten, und das restaurierte Speicherviertel Spīķeri. Spīķeri ist eines der neuen Kreativquartiere Rigas, das zu durchstreifen sich vor allem auch wegen des Rigaer Ghetto-Museums lohnt.

Riga vom Wasser: Stand Up Paddle Tour über den Kanal und die Daugava

Anstatt aus der Vogelperspektive von der Akadamie der Wissenschaften erkunden wir Riga vom Wasser aus. Allerdings nicht auf einem der elektrisch angetriebenen Holzboote, sondern mit dem Stand Up Paddle Board. Am Kajak- und SUP-Board-Verleih in Andrejsala warten wir auf Normunds vom lettischen Surf-Verband, mit dem wir uns bereits am Vorabend auf ein Bier im Kanepes getroffen haben, einem alternativen Kulturzentrum und „the place to be“ bei den hippen Rigaern.

Wir tragen unsere Boards ins Wasser und biegen in den Pilsetas Kanal ein. Gemächlich paddeln wir am Kronwald-Park vorbei und am Basteiberg, an dem sich der Platz mit dem Freiheitsdenkmal anschließt. Nach der Nationaloper passieren wir schließlich den Zentralmarkt, bevor der Kanal in die Daugava mündet. 500 Meter breit ist der Fluss, der in Russland nahe der Wolgaquellen entspringt und in die Ostsee fließt. Hinter der 100 Jahre alten Eisenbahnbrücke hebt sich auf der anderen Flussseite eine bergförmige Silhouette vom Abendhimmel ab. Das muss die neue Nationalbibliothek in Pardaugava sein, die wegen ihrer vielen Fenster auch Schloss des Lichts genannt wird.

Kräftig paddeln muss man auf der Daugava. Trotz der Strömung schaffen wir die sieben Kilometer in nur etwas mehr als zwei Stunden. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir unseren Ausgangspunkt in Andrejsala, einem ehemaligen Industriegebiet, das heute einen Yachthafen beheimatet und eine ganze Reihe schicker Terrassenrestaurants. In einem davon, dem Musuu Terase, wickeln wir uns in die kuscheligen Decken und blinzeln bei Welsfilet mit Gurke-Kapern-Salsa, Dill-Aioli und einem kühlen Weißwein in die untergehende Sonne.

Mit dem Zug an die Ostsee: Stand Up Paddling am Strand von Jūrmala

Der Zug rumpelt über die Eisenbahnbrücke, unter der wir tags zuvor mit dem SUP-Board hergepaddelt sind. Die Rucksäcke mit den Boards stehen neben uns. Unser Ziel heißt Jūrmala, der einst mondäne Ostseebadeort vor den Toren Rigas, in dem sich die deutsch-baltische Oberschicht, gut betuchte lettische Gutsbesitzer und der russische Adel Ende des 19. Jahrhunderts prachtvolle Villen bauen ließen. Selbst die Zarenfamilie soll zur Sommerfrische nach Jūrmala gereist sein.

Noch heute schwebt ein Hauch Nostalgie über Örtchen wie Bulduri und Majori, wo wir nach 30 Minuten aussteigen. Märchenhaft schöne Häuser verstecken sich in den Dünenwäldern hinter dem Strand, eine Mischung aus Jugendstil und Holzarchitektur, ähnlich wie in Riga. Spiegelglatt liegt dann die Ostsee vor uns. Sanft gleiten die SUP-Boards über das Wasser. Der weiße, breite Strand mit der Strandbar des Baltic Beach Hotels, wo wir noch einen Cappuccino getrunken haben, der grün-weiße Badepavillion und die schon herbstlich gekleideten Spaziergänger am Strand werden immer kleiner. Das Eintauchen des Paddels ist das einzige Geräusch. Langsam fröstelt es mich, nur 14 Grad zeigte das Thermometer vorhin an. Zeit, zurück zu paddeln und uns in der Konditoreja De Gusto bei heißer Schokolade und Schokoladentorte aufzuwärmen.

Noch mehr Tipps: Essen & Trinken in Riga

Riga, das ist nicht nur Jugendstil und hanseatisches Erbe. Riga ist lässig, Riga ist cool, eine aufstrebende Metropole, die es locker mit Städten wie Lissabon oder Barcelona aufnehmen kann. In der Neustadt locken Geschäfte mit Mode und Interieur im skandinavisch angehauchten, lettischen Design. In der Miera Iela, dem Friedrichshain von Riga, lassen sich Stunden um Stunden in Cafés und Teestuben verbummeln. Wer samstags in Riga ist, sollte sich über den Street-Food-Markt im trendy Kalnciema-Viertel mit seinen aufgehübschten Holzhäusern treiben lassen und sich durch die lokalen Spezialitäten probieren.

Hier einige Tipps im Schnelldurchlauf:

  • Drink mit Ausblick: Kein Geheimtipp mehr, sondern eher ein Klassiker – die Skyline Bar im Radisson Blu. Es lohnt sich dennoch, bei einem „A Good Kisser Cocktail“ oder einem „What Women Want“ aus dem 26. Stock den wundervollen Panoramablick über Riga zu genießen.
  • Café Miera in der Miera lela: Tischdecken mit Rosenmuster, Alpenveilchen, Vogelkäfige, Kaffeemühlen und sonstiger Nippes – gemütlich wie Omas Wohnzimmer ist das Café Miera. Sehr zu empfehlen: die Kurkuma Latte und der vegane Schokoladenkuchen.
  • Fazenda Bazar: Moderne lettische Küche in 100 Jahre altem Holzhaus. Die Blümchentapete passt wunderbar zu den Plüschsofas, in denen wir uns die gebratene Entenbrust mit Kirsch-Portwein-Soße und cremigem Sellerie-Vanille-Püree schmecken lassen. Das Fazenda Bazar hat auch einen Ableger in Pardaugava.
  • Restorans Maja Kalnciema: Ebenfalls in einem restaurierten Holzhaus untergebracht, extrem heimelig mit Kamin und Kachelöfen. Im Maja im Kalnciema-Quartier speist man unter Kronleuchtern mit echtem Silberbesteck, Fotografien in Sepia und Schwarz-Weiß geben Einblicke in das Familienleben im Riga der 1950er. Mein Tipp: in Kräutern mariniertes Frühlingslamm an Rosmarinkartoffeln und Waldhimbeersoße.

Bildnachweis:

  • Bild der Fischhalle: Michael Kausch
  • Alle weiteren Bilder: Alexandra Lattek

2 Kommentare

  1. Thank you for this lovely article! It was my pleasure be a guide for Alexandra. You are welcomed to contact me for more tours, activities, local experiences or simply advice: http://www.raamitravel.com
    With love from Riga,
    Liga

    • Alexandra Lattek

      Thank YOU for the great tour, showing us Riga and sharing the stories of your beautiful hometown with us! Hope to be able to visit again in some point in time, for a nice midsummer picknick on the academy rooftop :-). Love from Munich, Alexandra

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